Die Bedeutung der kommerziellen Sterilität für Handwerk und Industrie

Kommerzielle Sterilität entsteht infolge eines thermischen Prozesses, mit dem verpackte Lebensmittel, Tiernahrung und vergleichbare Produkte bei Raumtemperatur haltbar gemacht werden. Sie findet in der Regel im Autoklav, nach dem hermetischen Verschließen des Behälters, statt. Ziel ist dabei nicht ein absolut steriles Produkt. Das Ziel ist die kommerzielle Sterilität, das heißt: Unter den vorgesehenen Lagerbedingungen dürfen keine Mikroorganismen mehr wachsen, die das Lebensmittel verderben oder gesundheitlich gefährden.

Diese Unterscheidung ist praktisch entscheidend. Eine absolute Sterilität, also die Abwesenheit jedes lebensfähigen Mikroorganismus, lässt sich in Lebensmitteln weder sinnvoll nachweisen noch ohne massiven Qualitätsverlust erreichen. Die kommerzielle Sterilisation reduziert die relevante Keimbelastung um einen definierten Faktor und kombiniert das mit einer dichten Verpackung. Sauerstoffabschluss, Wasseraktivität, pH-Wert und Kühlung nach dem Prozess gehören zur Hürde, nicht nur die Haltezeit bei 121 °C.

Sterilisation und Pasteurisation

Beide Verfahren nutzen Hitze. Sie unterscheiden sich in Leitkeim, Temperatur und Haltbarkeit.

Pasteurisation tötet vegetative Keime und inaktiviert Enzyme. Sporen von Clostridium botulinum überstehen sie. Deshalb bleiben pasteurisierte Produkte in der Regel kühlpflichtig, oder sie sind so sauer, dass Sporen nicht auskeimen. Typische Bereiche liegen je nach Produkt bei etwa 70 bis 100 °C. Der Prozesswert wird oft als FP– oder P-Wert geführt, bezogen auf eine Referenztemperatur, häufig 70 oder 90 °C.

Sterilisation zielt auf hitzeresistente Sporen. Bei säurearmen Lebensmitteln mit einem pH-Wert über 4,6 ist Clostridium botulinum der Leitkeim. Die klassische Referenz liegt bei 121,1 °C. Erst die Kombination aus ausreichend hoher Temperatur, ausreichender Einwirkzeit im kältesten Punkt und dichter Verpackung erlaubt die Lagerung bei Raumtemperatur über Monate oder Jahre.

Pasteurisation Kommerzielle Sterilisation
Ziel Vegetative Keime, Enzyme Bakteriensporen, vor allem Clostridium botulinum bei pH über 4,6
Typische Temperatur etwa 70–100 °C über 100 °C, Referenz 121,1 °C
Prozesswert FP– oder P-Wert F0-Wert
Verpackung oft, aber nicht zwingend dicht und druckstabil hermetisch, druck- und temperaturstabil
Lagerung meist Kühlung, außer bei sauren Produkten Raumtemperatur, wenn der Prozess validiert ist
Beispiele Feinkost, manche Soßen, Wurst im Kunstdarm Konserven, Fertiggerichte, Baby- und Tiernahrung in Dose, Glas oder Pouch

Tabelle: Pasteurisation und kommerzielle Sterilisation im Vergleich.

Die Grenze bei pH 4,6 ist eine mikrobiologische, keine Geschmacksgrenze. Darunter keimt Clostridium botulinum nicht aus. Saure Produkte wie viele Gemüse in Essig oder Marmeladen werden deshalb pasteurisiert oder heiß abgefüllt. Liegt der pH-Wert nur knapp darunter, gehört die Messung in die Lenkung. Ein alkalischeres Rezept, eine andere Gemüsecharge oder eine ungleichmäßige Mischung kann das Produkt in den sterilisationspflichtigen Bereich schieben.

Der F0-Wert

Hitze tötet Mikroorganismen nicht linear mit der Uhr, sondern exponentiell mit der Temperatur. Der F0-Wert rechnet die gesamte wirksame Hitze auf die Wirkung bei 121,1 °C um.

Grundlage ist der D-Wert: die Zeit, in der die Keimzahl bei einer festen Temperatur um 90 Prozent sinkt, also eine Zehnerpotenz. Der z-Wert gibt an, um wie viele Grad die Temperatur steigen muss, damit der D-Wert auf ein Zehntel fällt. Für Clostridium botulinum wird in der Konservenpraxis meist z = 10 °C angesetzt.

Damit gilt näherungsweise: Eine Minute bei 111,1 °C wirkt wie 0,1 Minuten bei 121,1 °C. Eine Minute bei 131,1 °C wirkt wie 10 Minuten bei 121,1 °C. Aufheizen und Abkühlen zählen mit, sobald die Temperatur im Produkt im wirksamen Bereich liegt. Die Haltezeit am Sollwert ist nur ein Teil des F0-Wertes.

Die klassische Botulinum-Kochung für säurearme Konserven liegt bei F0 = 3 Minuten. Das entspricht dem 12-D-Konzept: Die Sporenzahl von Clostridium botulinum soll um zwölf Zehnerpotenzen sinken. Aus einer hypothetischen Ausgangsbelastung von einer Spore wird eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 10−12. Das ist ein Sicherheitskonzept, kein Messwert aus der einzelnen Charge.

F0 = 3 ist die Untergrenze gegen Clostridium botulinum, nicht automatisch das Prozessziel. Viele Betriebe fahren F0 von 6 bis 15, manche Produkte deutlich höher. Gründe sind thermophile Verderbniserreger, die die Botulinum-Kochung überstehen, ungleichmäßige Erhitzung, Sicherheitszuschläge und die Anforderung, dass der kälteste Punkt im Autoklav den Sollwert erreicht, nicht nur der Mittelwert. Ein höherer F0-Wert ist nicht automatisch besser. Jede zusätzliche Minute kostet Textur, Farbe, Vitamine und Aroma.

Gemessen wird der F0-Wert im Produktkern, nicht in der Kammer- oder Prozesswassertemperatur. Dafür dienen Pt100- oder Pt1000-Kernmessfühler oder alternativ ein Datenlogger, wie er auch zur Validierung eingesetzt wird. Die Steuerung kann den F0 live integrieren und die Haltephase beenden, sobald der Sollwert erreicht ist. Das ist genauer als eine feste Uhrzeit, weil Füllmenge, Anfangstemperatur und Beladung schwanken.

Was im Autoklav tatsächlich passiert

Eine Sterilisation ist ein Druck-Temperatur-Prozess mit vier Phasen.

In der Aufheizphase bringt das Medium, Wasser, Berieselung oder Dampf-Luft, Kammer und Produkt auf Temperatur. Dicke Produkte, große Gläser und dichte Beladung hinken hinterher. Der kälteste Punkt liegt selten in der Kammermitte, sondern im Kern der am langsamsten erwärmten Packung, oft in der geometrischen Mitte eines statischen Korbs.

In der Haltephase bleibt die Produkttemperatur im Zielbereich, bis der F0 erreicht ist. Die Kammer kann schon Minuten vorher auf Sollwert sein. Diese Differenz ist der häufigste Fehler bei der Übertragung eines im Labor entwickelten Zyklus auf die Produktionsanlage.

In der Kühlphase muss der Druck in der Kammer dem Innendruck der Packung folgen. Produkt und Kopfraum sind heiß, der Deckel oder die Naht würde sonst aufgehen. Gegendruck, ob mit Luft oder über das Kühlmedium, ist bei Glas, Pouch und dünnwandigen Schalen keine Option, sondern Teil des Prozesses. Zu schnelles Kühlen erzeugt Unterdruckspitzen, Paneling (Einbeulung der Dosenwand) bei Dosen oder Glasbruch.

Die Entnahme erfolgt erst, wenn die Packung handhabbar und der Deckel im Sollzustand ist. Ein nach dem Abkühlen nach außen gewölbter Deckel ist ein Warnsignal: unzureichendes Vakuum, Überfüllung oder, im Lager, mikrobielle Gasbildung.

Verfahren im Vergleich

Vollwasser arbeitet mit einem vollständig gefluteten Kessel. Die Wärmeübertragung ist gleichmäßig, der Druck gut beherrschbar. Der Wasser- und Energiebedarf ist höher, die Taktzeit oft länger. Kesselautoklaven dieser Bauart, etwa VOSS PRAKTIK und VOSS SOLID, sind der typische Einstieg für Handwerk und mittlere Chargen.

Berieselung sprüht oder – wie es bei STERIFLOW Berieselungsautoklaven genannt wird – kaskadiert Heißwasser über die Körbe und führt es im Kreislauf. Aufheizen und Kühlen sind schneller, der Wasserbedarf geringer, die Produkte werden mechanisch weniger belastet als im Vollwasserbad. Vertikale Berieselungsautoklaven wie der NOVUM nutzen dieselbe Standfläche bei wachsender Kapazität. Liegende Industrieautoklaven, wie die Autoklaven von Steriflow, arbeiten mit kaskadierendem Wasser und lassen sich statisch, horizontal bewegt, pendelnd oder rotierend betreiben. Rotation oder Schaukeln verkürzt die Aufheizung bei viskosen und stückigen Produkten, weil die Konvektion im Behälter erzwungen wird. Sinnvoll bei Soßen, Fertiggerichten und Tiernahrung, unnötig bei kompakter Stückware, die keine Bewegung verträgt.

Dampf-Luft eignet sich, wenn das Produkt ein Dampfverfahren braucht. Luftanteil und Umwälzung müssen stimmen, sonst entstehen kalte Zonen. Bei Dampf beginnt der Energieübertrag erst bei höheren Temperaturen, wie sicher schon jeder mal in einer Dampfsauna erfahren hat.

Verfahren Stärke Grenze Typischer Einsatz
Vollwasser gleichmäßige Temperatur, einfacher Druck Wasser, Energie, Takt Handwerk, kleine und mittlere Chargen
Berieselung schnelles Heizen und Kühlen, weniger Wasser Düsen, Verteilung, Wartung wachsende Betriebe, Industrie
Dampf-Luft hoher Wärmeübergang, wenig Wasser empfindlich gegen Luftpolster verpackte Produkte mit geeignetem Kopfraum
Bewegung (z.B. Rotation) kurze Aufheizzeit bei viskosen Füllgütern nicht für jedes Stückgut Soßen, Fertiggerichte, Petfood

Tabelle: Sterilisationsverfahren und ihr typischer Einsatz.

Die Verpackung entscheidet mit. Glas braucht einen definierten Kopfraum und einen Deckel, der Vakuum anzeigt. Weißblech verträgt Vakuum gut, Aluminium und vor allem Kunststoff sind empfindlicher gegen Unterdruck. Pouches und Schalen brauchen Gegendruck über nahezu den gesamten Zyklus. Die Nahtfestigkeit muss zur Haltetemperatur passen, nicht nur zur Fülltemperatur. Wie das Vakuum zustande kommt, steht im Beitrag Vakuumerzeugung in Konserven.

Validieren, nicht nur fahren

Ein gespeichertes Programm ist kein Nachweis. Validiert wird in zwei Stufen.

Die Temperaturverteilungsmessung kartiert die Kammer. Leer oder mit Standardbeladung zeigt sie, ob jede Position dieselbe Wärmemenge bekommt. Kalte Zonen entstehen durch falsche Düsen, zugesetzte Filter, überladene Körbe, fehlende Umwälzung oder einen undichten Gegendruck.

Die Wärmeeindringungsmessung sitzt im Produkt. Logger oder Kernmessfühler liegen am erwarteten Cold Spot, bei mehreren Packungsformaten an mehreren Stellen. Daraus werden Aufheizrate, F0 und der Sicherheitszuschlag abgeleitet. Anfangstemperatur, Stückgröße und Füllgewicht gehören in die Prozessgrenze. Ein Zyklus, der bei 40 °C Ausgangstemperatur F0 = 8 erreicht, liegt bei 15 °C Ausgangstemperatur darunter.

Im Betrieb bleiben Verschlussparameter, Füllmenge, Kopfraum, Programm, Kerntemperatur und Vakuumkontrolle Lenkungspunkte. Das Lebensmittelrecht, unter anderem die Verordnungen (EG) Nr. 178/2002 und Nr. 852/2004, schreibt keinen festen F0-Wert vor. Es verlangt ein sicheres, verkehrsfähiges Lebensmittel und ein beherrschtes Verfahren. Ein dokumentierter F0-Wert im kältesten Punkt ist der praktisch anerkannte Nachweis.

Wiederholt wird die Validierung nach Eingriffen: anderes Format, andere Beladung, geänderte Rezeptur, Austausch von Wärmetauschern oder Düsen, Umsetzung der Anlage. Eine jährliche Verteilungsmessung ist üblich, auch wenn keine Rezeptur geändert wurde.

Handwerk und Industrie

Dieselbe Mikrobiologie, andere Wirtschaftlichkeit.

Ein handwerklicher Betrieb mit wechselnden Rezepturen und wenigen hundert Einheiten pro Charge braucht eher einen Kesselautoklav, wenige Programme und eine Kerntemperaturmessung. F0 = 3 bis 8, klar dokumentiert, ist hier oft der richtige Rahmen. Die Grenze ist nicht der Ehrgeiz, sondern die sensorische Qualität: Eine Wurst im Glas, die 40 Minuten bei 121 °C sieht, ist sicher und trotzdem unverkäuflich. Was die Hitze mit der Würzung macht, behandelt der Beitrag Gewürze richtig einsetzen.

Mittelstand und Industrie optimieren auf Takt, Energie und Gleichmäßigkeit. Berieselung, mehrere Körbe, automatische Be- und Entladung und eine F0-geführte Steuerung senken die Haltezeit, ohne den Cold Spot zu unterschreiten. Rotation lohnt sich erst, wenn die Aufheizung der limitierende Faktor ist und das Produkt Bewegung verträgt. Inline-Kontrollen, Vakuumdetektion und Chargenprotokoll werden mit der Zertifizierung, etwa IFS oder FSSC 22000, zur Pflicht, nicht zur Kür.

In beiden Fällen gilt: erst das Produkt, dann die Anlage. Ein Zyklus, der im Technikum an der eigenen Ware gefahren und mit Loggern belegt wurde, ist eine bessere Investitionsgrundlage als ein Datenblattwert.

Fazit

Kommerzielle Sterilisation ist ein beherrschter F0 im kältesten Punkt, nicht eine Kammertemperatur und eine Uhrzeit. F0 = 3 Minuten ist die klassische Untergrenze gegen Clostridium botulinum bei säurearmen Lebensmitteln. Der betrieblich richtige Wert liegt oft höher und endet dort, wo Textur und Aroma nicht mehr tragen.

Vollwasser, Berieselung und Dampf-Luft lösen dieselbe Aufgabe mit unterschiedlichem Wasserbedarf, anderer Taktzeit und anderer Eignung für Glas, Dose und Pouch. Welches Verfahren zu Rezeptur, Format und Menge passt, zeigt sich in der Probekochung, nicht in der Broschüre.

Im VOSS Technikum in Butzbach fahren wir diese Zyklen gemeinsam an Ihrer Ware, mit Kerntemperaturmessung und Protokoll. Daraus werden Prozess, Verpackung und Anlagentyp abgeleitet, bevor eine Linie geplant wird.

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